zurück zur Startseite

Reiseeindrücke Ukraine 2006 von Sylvia Remé 

Kiew – Stadt der neuen Reichen und der Mafia?

 

Karte der Ukraine von Lvov bis Kiew, nördlich von Kiew liegt Tschernobyl, hier Cornobyl geschriebenNach Andrej Kurkow (ukrainischer Schriftsteller, Regisseur, Hörbuchautor, geb. 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew) sind hier die Mafia und die Neureichen zuhause. Diese Stadt soll sich – glaubt man Kurkow – nicht um die politischen und sozialen Veränderungen gekümmert haben, als vor 15 Jahren ein neuer unabhängiger Staat, die Ukraine, entstand. Also gab es sie schon immer, die Mafia? Vor Kurkow liest man schon in der Literatur von korrupten Beamten und Politikern. Möglicherweise ist nur der Begriff „Mafia“ neu. Während meiner Aufenthaltsdauer in Kiew reichte für Erfahrungen mit dieser Kategorie nicht aus. Vielmehr bin ich überall hilfsbereiten und freundlichen Menschen begegnet.

Höhlenkloster in Kiew_Foto Archiv         Hlöhlenklosterin Kiew_Archibild

Bleiben also die neuen Reichen. Sie gibt es – wie der Name sagt – wahrscheinlich erst seit Bestehen des neuen Staates. Wie auch immer, wenn man, wie ich, diese Stadt Kiew zum ersten Mal erlebt, kann man sich des Eindrucks einer aufstrebenden „Goldgräberstadt“ nicht erwehren.  Blick vom Hotel "Lybid" auf Kiew_ Foto Larissa Mende

Der Blick vom Hotel mit dem schönen Namen „Lybid“ (Schwan) zeigt hoch geschossige Gebäude mit riesiger Werbung zwischen schönen großbürgerlichen Patrizierhäusern. Auf den Boulevards fahren schwarze BMW-Limousinen und Mercedes der S-Klasse.  

Entlang des Hauptboulevards wechseln sich Jugendstilfassaden und Hochhäuser ab. In den oberen Etagen sind Büros und Hotels, in den unteren Bars, Restaurants und Boutiquen mit international bekannten Designernamen und teuren Ladenketten mit Markenfirmen wie in jeder anderen großen Metropole.  

Blick vom Hotel "Lybid" auf Kiew_ Foto Larissa Mende              Einkaufstrasse in Kiew_Foto von Larissa Mende

  Andreas Kathedrale in Kiew_Archilvbild                                  Park in Kiew_Foto von Larissa Mende

Hochhaus in Kiew_Foto von Klaus HettwerDie breiten Straßen, die grünen Parks, die großen Plätze vor dem Opernhaus, die Nähe zum großen, breiten Fluss (Dnjepr), das Parlament, die Universität, die Botschaften, dies alles findet man auch in Großstädten wie Paris oder Rom. Wenn da nicht die goldenen, vor dem blauen Himmel des herrlichen 

     Verkehr in Kiew_Foto von Larissa Mende       

Spätsommers glänzenden Kuppeln wären, die zu den katholischen und russisch orthodoxen Kirchen gehören, mit denen wahrscheinlich nur noch Moskau konkurrieren kann.

 

Lvov, die Stadt in der wir unsere Reise begannen

 

Flughafen von Lvov (das frühere Lemberg)_Foto von Larissa Mende

Der Flughafen von Lvov (ehemaliges Lemberg)

Eingangsportal

 

                       Die Delegation beginnt mit der Arbeit_Foto von Willy Balzer

Skulpturen neben dem Portikus des Opernhauses in Lvov_Foto von Larissa Mende           Platz vor dem Opernhaus in Lvov_Foto von Larissa Mende            Skulpturen neben dem Portikus des Opernhauses in Lvov_Foto von Larissa Mende

Unterwegs in der Provinz 

Mir fällt die große Diskrepanz zwischen der Provinz und dieser Großstadt auf. Schon rein äußerlich, Kiew ist wie Rom auf sieben Hügeln erbaut. Das von uns bereiste Land zwischen dem im äußersten Westen gelegenen Lvov (früher Lemberg) und Kiew ist flach mit großen Weiten und riesigen Feldern. Entlang der Straßen bieten ärmlich gekleidete Männer und Frauen ihre Gartenprodukte an. Manchmal sind es nur winzige Kräutersträußchen. 

 

Strassenverkauf_Foto von Klaus HettwerHaltestellen_Fotos von Klaus Hettwer

Unterwegs_Foto von Willy BalzerAuf den Autobahnen ab Lvov kamen uns mehr Pferdewagen entgegen als Autos. In den Bezirksstädten, in denen wir übernachteten, hatten wir selbstverständlich nicht den Komfort wie im „Lybid“ in Kiew. Bei unserer Ankunft in der Ukraine in Lvov stiegen wir im Hotel „Sputnik“ ab. Ein Hotel aus postsowjetischer Zeit mit riesigen Speisesälen und Tagungsräumen. Auf jeder Etage des 10stöckigen Hotels saß eine Etagendame, die nichts weiter zu tun hatte, als dem Gast den Zimmerschlüssel auszuhändigen und Hygieneartikel zu verkaufen. Zahnpasta, Seife und Kondome waren fein säuberlich auf einem alten Schreibtisch, hinter dem die Dame wie eine Königin thronte, aufgebaut. Da dieser Platz rund um die Uhr besetzt war, diente die Anwesenheit dieser Etagendame, wie bei einer Concierge, wohl auch dazu, über die Moral der Gäste zu wachen. 

In meiner Erinnerung an diese Delegationsreise der Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ bleiben aber noch andere Eindrücke. Es sind die menschlichen Begegnungen.  

Die Stiftung hat das Ziel, Kindern in den von der Tschernobyl-Ultraschallgerät_Foto von Willy BalzerKatastrophe betroffenen Gebieten zu helfen. Wegen dieses Auftrags waren wir in die Ukraine gereist. Unsere Delegation hatte elf Krankenhäuser zu besuchen, um festzustellen, ob die vor zwei Jahren dorthin gelieferten Ultraschallgeräte in einwandfreiem Zustand, ausreichend eingesetzt und genügend Ärzte vorhanden waren, um diese vorläufig leihweise zur Verfügung gestellten Geräte zu bedienen. Das war auch in zehn von elf Fällen so.  

Ein Gerät fanden wir in einem nicht hinzunehmenden Zustand vor, so dass wir es dem Krankenhaus nicht als Eigentum überlassen konnten. Unsere Bedingung war, das Gerät in einen akzeptablen Zustand zu versetzen, es ausreichend auszunutzen und weitere Ärzte für die Bedienung auszubilden. Dafür gaben wir dem Verantwortlichen des Krankenhauses ein Jahr Zeit. 

War es ein Relikt aus alter Zeit? Wir wurden, wie einst die Gäste der Landesfürsten von der Landesgrenze abgeholt wurden, an den heutigen Bezirksgrenzen erwartet. Manchmal fuhr der Chefarzt des Krankenhauses persönlich vor, ein anderes Mal kam eine Ambulanz, in anderen Fällen kamen die Vertreter des Chefarztes oder deren Fahrer. Sie geleiteten uns in das jeweilige Krankenhaus. 

Besuch des Krankenhauses in Umanj_Archivbild

Wir erlebten ganz unterschiedliche Persönlichkeiten bei den besuchten Ärzten. Es gab einen Chefarzt kurz vor der Pensionierung, der uns resigniert erzählte, dass er froh sei, nun bald gehen zu können. Er habe sich 31 Jahre bei einem nur geringfügigen Gehalt (umgerechnet 100 € pro Monat) für das Krankenhaus engagiert.  

Wir fragten uns, wie man davon leben kann. Möglicherweise ist das in der Provinz nur durch Kompensation mit der Produktion aus dem häuslichen Garten und der eigenen Landwirtschaft möglich. 

Kostproben davon konnten wir nach den Kontrollen der Ultraschallgeräte bei der immer üppigen Bewirtung in den Chefarztzimmern erleben.  

Neben reichlich aufgetischten Proben aus den heimischen Gärten wie Tomaten und Gurken aßen wir Köstlichkeiten wie Blinis, die unterschiedlich gefüllt waren, mit Quark, Sauerkraut, Fleisch oder Kaviar. Neben Kaffee und Tee gehörte Wodka immer dazu. Nicht nur am Abend, auch zum Frühstück standen Wodkagläser auf dem Tisch.  

Der Kaffee für uns wurde auf den Schreibtischen der Sekretärinnen aufgebrüht. Das Nescafe-Glas stand neben dem Kochtopf. Auf Kochplatten oder auf Campingkochern wurde das Wasser heiß gemacht, um für uns Blinis zu zubereiten.  

Dazu bekamen wir in fast allen Fällen noch eine Wegzehrung (meist bestehend aus Wodka und Süßigkeiten) mit auf die Fahrt. Diese freundliche Geste war auch bei uns früher selbstverständlich. 

In der Region Dubno erlebten wir ein junges Arztteam, das uns vor dem Besuch im Krankenhaus in ein Restaurant führte und uns Köstlichkeiten aus der Region auftischen ließ. Nicht um uns milde zu stimmen, wie man vermuten könnte - das von uns zu besichtigende Gerät war in einem einwandfreien Zustand - , sondern weil gerade Mittagszeit war, und wir noch eine längere Wegstrecke vor uns hatten.  

Festungsanlage in Dubno_Foto von Larissa Mende  Festungsanlage in Dubno_Foto von Willy Balzer  Festungsanlage in Dubno_Foto Larissa Mende

So konnten wir die Eigentumsübergabe mit gutem Gewissen nach dem ausgezeichneten Essen vornehmen. Dieser Krankenhausbesuch fiel etwas kurz aus, da wir an dem Tag noch ein Pensum zu schaffen hatten. Wir sollten aber nicht gehen, ohne die alte Festungsanlage der Stadt zu sehen und nicht ohne ein Interview für das Fernsehen zu geben. Das haben wir auch gerne getan. 

Die von uns besichtigten Krankenhäuser waren mit kleinen Ausnahmen alle in maroden, ärmlichen Zuständen, verglichen mit unserem Krankenhaus-Standard. Teilweise wurde aus Spargründen der Strom in den Fluren nur stundenweise eingeschaltet. Und zwar ohne Rücksicht auf den defekten Fußboden. Bei jedem Schritt klapperten lockere Fliesen oder man stieß auf aufgerissene Linoleumböden. Manchmal gab es noch nicht einmal einen Fußbodenbelag, sondern nur blanken Estrich. 

Aufgefallen ist uns, dass bei von Frauen geleiteten Krankenhäusern, wie in Winniza, der Mangel offensichtlich besser verwaltet wurde. Wuchsen Blumen auf dem Krankenhausgelände wie in Gaysin, so hatten hier Frauenhände eine gewisse Ordnung geschaffen und daraus eine kleine Augenweide gemacht.  

Neben der Stromsparmethode lernten wir auch Wassermangel kennen. Zum Glück hatten wir Mineralwasser in unserem Reisegepäck. Selbst wenn es in den Unterkünften Wasser gab, mussten wir uns dennoch von Gewohntem verabschieden. Statt Duschschlauch fanden wir einmal nur einen Wasserschlauch vor, der an die Wasserarmatur des Handwaschbeckens angeschlossen war. Aber immerhin gab es Wasser, wenn auch kaltes.  

Unser Eindruck war, dass der herrschende Standard kontrolliert war um auszuschließen, dass die Zimmer praktisch oder gar ästhetisch eingerichtet waren!!! 

Rezeption in Rovno_Foto von Willy BalzerIn Rovno vermittelten wir einer Angestellten an der Rezeption unserer Unterkunft einen Ultraschall-Untersuchungstermin bei einem von uns zuvor besuchten Krankenhaus. Uns rührte sehr, wie überschwänglich sich diese Frau bei uns bedankte.  

Neben dem eher resignativ wirkenden Chefarzt unseres ersten Besuches in Wolodimir-Wolynks hatten wir durchaus Begegnungen mit jungen Ärzten, die offenbar das Beste aus der vorhandenen Situation machten. Sie waren bei unseren Gesprächen sehr aufgeschlossen und zeigten sich an unserem Gesundheitssystem und Leben in Deutschland sehr interessiert. Fröhlich ging es bei einem Essen in einem Fischrestaurant zu, wo wir gefüllten Fisch serviert bekamen. Diese großen Fische („Fische ohne Gräten“), waren angeblich von dem Chefarzt persönlich geangelt worden, wobei er von noch sehr viel größeren Exemplaren sprach, die er schon an der Angel hatte.  

Entsprechend herzlich war dann auch der Abschied nach dieser äußerst angenehmen und entspannten Atmosphäre in Starokonstantiniw. 

In Chmelnizkij erlebten wir eine resolute, dynamische Chefärztin, die uns nicht nüchtern gehen lassen wollte und uns einen Wodka nach dem anderen aufnötigen wollte. Von ihr erfuhren wir aber auch nebenbei viel über das Leben der berufstätigen Frauen, von denen die Ehemänner neben ihrer Berufstätigkeit noch den vollen Einsatz zuhause erwarteten, ohne sich selbst daran zu beteiligen. Sie geleitete uns nach dem Besuch mit ihrem Fahrer zu unserem Hotel und verabschiedete sich am anderen Morgen, nicht ohne vorher mit uns noch eine Stadtrundfahrt gemacht zu haben. Auch von dieser Frau konnten wir wieder einmal eine große Herzlichkeit und Gastfreundschaft erfahren, die ich so selten in einem fremden Land Spieler am Kunstmarkt in Kiew_Foto von Willy Balzererlebt habe. 

Wir lernten russische und ukrainische Trinksprüche kennen. Diese Gewohnheit hat eine lange Tradition, die ehemals von einer Art Zeremonienmeister moderiert wurde. In einer bestimmten Reihenfolge werden Trinksprüche auf die anwesenden Gäste, die Eltern, die Verstorbenen, die anwesenden Frauen und Männer und natürlich auf die Gastgeber ausgesprochen. Manchmal sogar in Versform.

 

Zusammenfassung 

Mein Fazit dieser Reise ist, dass durch die Gastfreundschaft Ärzte aus Umanj_Foto von Larissa MendeHilfe der Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ mit den zur Verfügung gestellten Ultraschall-Geräten eine Frühdiagnostik möglich ist, die die Rate der Missbildungen bei Kindern schon im Frühstadium erkennt und durch geeignete Maßnahmen vermindern hilft. Die Arbeit der Stiftung wird noch lange nötig sein, da die Menschen es aus eigener Kraft noch nicht schaffen können, ihre Situation auch nur annähernd zu meistern.  

Eine große Hochachtung habe ich vor den Menschen, wie sie bei allem Mangel und manchmal bei großer Armut ihren Alltag meistern. Dankbar bin ich für die erlebte große Gastfreundschaft, die in diesem Land noch eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.